Die dünne Klebstoffschicht auf der Rückseite einer Briefmarke ist mehr als bloß Technik - bei Klassikern entscheidet sie über den zehnfachen Preis, und bei Altdeutschland-Stücken ist sie der häufigste Angriffspunkt von Fälschern.
In diesem Eintrag erkläre ich Ihnen, welche Materialien historisch und heute eingesetzt werden, wie die drei Erhaltungsstufen mit Michel-Notation funktionieren, woran Sie Nachgummierungen sicher erkennen und warum Erben bei Altdeutschland-Klassikern mit ganz anderen Maßstäben rechnen müssen als bei Nachkriegs-BRD.
Die Gummierung ist das unscheinbarste und gleichzeitig häufig unterschätzte Merkmal einer Briefmarke, und genau deshalb lohnt sich das genaue Hinsehen - angefangen bei der Definition.
Auf einen Blick
- Gummierung ist die auf der Rückseite aufgetragene Klebstoffschicht der Briefmarke, durch Anfeuchten aktivierbar; historisch aus tierischem Leim, Gummi arabicum oder Dextrin, heute überwiegend Polyvinylalkohol (PVA).
- Die Originalgummierung ist das entscheidende Preiskriterium bei ungebrauchten Marken: Postfrisch (**), Ungebraucht mit Falz (*) und Ungummiert ((*)) werden international mit Michel-Sternchen unterschieden.
- Nachgummierungen bei wertvollen Klassikern sind per Lupe und UV-Licht erkennbar; echte Zahnspitzen bleiben gummifrei, nachgummierte zeigen Gummitropfen in den Löchern - BPP-Prüfung empfohlen.

Was ist Briefmarken-Gummierung?
Die Gummierung ist die technische Grundlage, ohne die Briefmarken nie als Massenmedium hätten funktionieren können: eine dünne, wasserlösliche Klebstoffschicht auf der Rückseite, die durch Anfeuchten aktivierbar und dadurch aufklebbar ist. Sie ist so selbstverständlich, dass die meisten Sammler erst durch einen Zustandsschaden auf sie aufmerksam werden.
Definition im Wortlaut
Die enzyklopädische Formulierung trifft es am präzisesten: laut Wikipedia ist Gummierung „eine Substanz, die rückseitig auf Briefmarken aufgetragen wird, damit diese durch Anfeuchten auf einen Brief geklebt werden können." Die nassklebende Aktivierung ist das namensgebende Merkmal der klassischen Briefmarke, im Unterschied zu selbstklebenden Briefmarken, die auf Haftklebstoff ohne Wasseraktivierung setzen. Beides sind Varianten derselben Grundidee, aber mit fundamental verschiedener Handhabung.
Warum heißt es Gummierung?
Der Name stammt aus der Anfangszeit der Briefmarken-Produktion, als tatsächlich Gummi arabicum - eingedickter Pflanzensaft der Akazie - als Grundstoff verwendet wurde. Der Begriff hat sich auch für synthetische Nachfolger erhalten, obwohl heute vor allem Polyvinylalkohol zum Einsatz kommt. „Gummi arabicum" ist damit der Namensgeber für eine Technikklasse, die sich fundamental verändert hat.
Historische Materialien - von tierischem Leim zu Dextrin
Die Chronologie der Gummierungs-Materialien erzählt die Industrie-Geschichte der Briefmarke von den Anfängen bis heute: Jede Epoche hat ihre charakteristischen Rohstoffe hinterlassen, und jeder Wechsel war eine Reaktion auf Probleme des Vorgängers.
Tierische Leime - die Anfangszeit
In der Frühzeit der Briefmarke wurden vor allem tierische Leime (Haut- oder Knochenleim) verwendet. Ihre Achillesferse war die hohe Empfindlichkeit gegenüber Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Im Alter neigen diese Leime zu Gummisprungen, die die Marke beschädigen oder im Extremfall auseinanderfallen lassen können. Wer ältere Marken im Bestand hat, sollte auf Risse im Gummi achten.
Gummi arabicum - der Namensgeber
Harzsaft der Akazie, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Gummi arabicum ist ein pflanzlicher Rohstoff mit deutlich besserer Haltbarkeit als tierische Leime - das Markenpapier bleibt bei stabiler Lagerung über Jahrzehnte intakt. Er ist der direkte Namensgeber des Begriffs Gummierung, und der Name blieb auch dann erhalten, als längst andere Stoffe die Produktion dominierten.
Dextrin - die pflanzliche Alternative
Aus Stärke gewonnenes Kohlenhydrat, parallel zu Gummi arabicum eingesetzt und günstiger in der Herstellung. Beide pflanzlichen Gummierungen halten bei stabiler Lagerung gut, solange das Klima konstant bleibt. Dextrin war vor allem in Ländern verbreitet, in denen Gummi arabicum importiert werden musste und damit teurer war.
Moderne Gummierung - PVA und selbstklebende Varianten
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts dominieren synthetische Kunststoff-Gummierungen, und parallel dazu hat sich ein zweiter Weg durchgesetzt: die Selbstklebung ohne klassische Anfeucht-Gummierung. Beide Entwicklungen haben den Philatelie-Alltag grundlegend verändert.
Polyvinylalkohol (PVA) - der heutige Standard
Polyvinylalkohol ist ein synthetisches Polymer auf Kohlenstoffbasis, geschmacksneutral und stabil. PVA dominiert laut philazone.com die Gummierung weltweit. Der große Vorteil gegenüber tierischen Leimen: PVA zeigt bei üblichen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen deutlich weniger Neigung zu Gummisprungen, was die Langzeit-Haltbarkeit verbessert.
Selbstklebende Marken mit Haftklebstoff
Ohne Anfeuchten aktivierbar, auf Trägerpapier aufgeklebt - das ist das Prinzip der modernen selbstklebenden Briefmarke. Manche Ausgaben haben eine wasserlösliche Zwischenschicht zwischen Markenpapier und Klebstoff, sodass gebrauchte Marken abgelöst werden können. Andere verzichten darauf, was das Ablösen erschwert und ungestempelte Marken vor der Wiederverwendung schützt. Details zu dieser Variante finden Sie im Glossar-Eintrag zu selbstklebenden Briefmarken.
Die Pfefferminzgummierung 1955/56
Ein Kuriosum der Bundespost-Geschichte: Von 1955 bis 1956 wurden ausgewählte Marken mit einer Gummierung versehen, die beim Ablecken nach Pfefferminze schmecken sollte. Das Experiment wurde nach einem Jahr eingestellt. Für Sammler ist die Pfefferminzgummierung ein Kuriosum ohne heutige Marktrelevanz, aber ein anschauliches Beispiel dafür, dass Postverwaltungen bei der Gummi-Zusammensetzung durchaus Experimentierfreude zeigten.
Erhaltungsstufen der Gummierung
Für den Sammlerwert ist die Gummierung das entscheidende Preiskriterium. Die drei international üblichen Qualitätsstufen werden mit Michel-Sternchen-Notation vergeben, und jede Stufe bedeutet einen anderen Preis.
Postfrisch (**) - Originalgummierung unverändert
Die Gummierung entspricht exakt dem Zustand am Postschalter: kein Falz, keine Haftspur, keine Beschädigung. Das ist die hoechste Stufe und damit die Referenz-Preisstufe bei ungebrauchten Marken. Was genau postfrisch bedeutet und welche Krüge dabei lauern, erkläre ich im eigenen Glossar-Eintrag dazu - denn auch „postfrisch" wird nicht immer korrekt deklariert.
Ungebraucht mit Falz (*) - Gummierung nur teilweise original
Auf der Rückseite befindet sich ein Falz oder eine Falzspur. Die Gummierung ist dadurch teilweise verändert, entweder durch den Klebstoff des Falzes selbst oder durch das Ablösen. Preislich liegt diese Stufe deutlich unter postfrisch; bei Nachkriegs-BRD-Marken ist der Abschlag erheblich, weil dort postfrisch der Normalzustand war.
Ungummiert ((*)) - Gummierung fehlt ganz
Keine Gummierung mehr vorhanden, durch Ablösung oder durch Ausgabe ohne Gummierung. Das ist die niedrigste Stufe bei ungebrauchten Marken. In tropischen Gebieten wurde wegen der extremen Luftfeuchtigkeit häufig absichtlich auf Gummierung verzichtet, damit die Bogen nicht im Lager verkleben. Dort ist ungummiert der bestmögliche Zustand und kein Mangel.
Die Michel-Kennzeichnung im Katalog
Die Sternchen-Notation ist international eingeführt: ** für postfrisch, * für gefalzt, (*) für ungummiert. Im Michel-Katalog stehen die drei Preisspalten nebeneinander; bei manchen Marken sind zusätzliche Spalten für Gummierungs-Varianten aufgeführt. Wer die Notation kennt und richtig liest, vermeidet teure Irrtumer beim Kauf oder bei der Bewertung eines Nachlasses.
Wert-Auswirkung - Warum die Gummierung bei Altdeutschland über Faktor 10 entscheidet
Die Gummierung ist kein ästhetisches Detail. Sie ist der häufigste einzelne Wertfaktor bei ungebrauchten Marken - und der Unterschied kann, je nach Sammelgebiet, das Zehnfache ausmachen.
Die Faktor-10-Regel bei Nachkriegs-Marken
Die MICHEL-Redaktion hat den Sachverhalt klar formuliert: „Je nach Gebiet und Ausgabe kann die postfrische Marke für das 10-fache verkauft werden wie dieselbe Marke mit Erstfalz oder einem kleinen verbliebenen Falz." Das gilt besonders deutlich bei BRD-Ausgaben nach 1949, wo Klemmtaschen-Haltung Standard war und postfrisch der Normalzustand ist - ein gefalztes Stück wird entsprechend stark abgewertet. Quelle: MICHEL-Redaktion, Jürgen Kraft (Stand Februar 2022).
Altdeutschland-Realität
Bei Altdeutschland-Klassikern aus Bayern, Preußen, Sachsen, Baden und dem Norddeutschen Bund ist die Originalgummierung ohne Falzspur eine absolute Seltenheit. Ich erlebe das in meiner eigenen Sammlung täglich: Meine Altdeutschland-Stücke sind fast ausschliesslich gefalzt oder ohne Gummierung - postfrisch mit Originalgummierung ist dort ein seltener absoluter Ausnahmezustand. Wer mir ein postfrisches Altdeutschland-Klassiker-Stück ohne BPP-Prüfzeichen anbietet, bekommt von mir als erstes die Rückfrage nach dem Prüfattest.
Der häufigste Befund bei Nachlass-Sammlungen mit Altdeutschland ist gefalzt oder ungummiert - und das ist dort der ehrliche, marktübliche Normalzustand. Kein Minus-Kriterium, sondern die Realität des Sammelgebiets. Bei Nachkriegs-BRD dagegen bedeutet gefalzt einen erheblichen Abschlag. Den Unterschied muss jeder kennen, der eine solche Sammlung bewertet oder verkauft.
Erben-Szenario und Wert-Einordnung
Der Gummierungs-Befund ist bei jeder Nachlass-Schätzung der erste entscheidende Blick auf die Rückseite. Ich sehe in der Beratung von Erben regelmäßig, wie der im Katalog nachgeschlagene Wert des „Posthornsatzes" auf einen Bruchteil zusammenschrumpft, weil auf der Rückseite ein winziger Falzrest klebt. Für eine belastbare Einschätzung hilft der Blick auf den Wert Ihrer Sammlung - dort erkläre ich die Systematik hinter dem Katalogwert und was realistische Marktpreise davon unterscheidet.
Erkennungsmerkmale der Gummierung
Nicht jede Gummierung sieht gleich aus. Sammler unterscheiden nach Glanz, Farbe und Oberflächenstruktur - und diese Unterschiede haben Katalog-Relevanz, wenn Gummierungs-Varianten separat gelistet sind.
Glanzgummierung vs. Mattgummierung
Glanzgummierung zeigt eine reflektierende Oberfläche, typisch für viele BRD-Dauerserien. Mattgummierung hat ein stumpfes, nicht-reflektierendes Erscheinungsbild, oft bei klassischen Ausgaben. Der Glanz-Grad ist ein Michel-relevantes Unterscheidungsmerkmal bei Gummierungs-Varianten derselben Ausgabe und kann den Preis verschieben.
Farbige Gummierung
Gummierungen können weißlich, gelblich oder bräunlich sein. Gelbfärbung bei älteren Marken kann auf Alterung oder auf einen ursprünglich andersfarbigen Gummi hindeuten. Die Farbe der Gummierung allein ist kein Echtheitsbeweis, aber ein erster Hinweis, der im Zusammenspiel mit anderen Merkmalen relevant ist.
Oberflächenstruktur - glatt, körnig, gestreift, geriffelt
Manche Gummierungen sind glatt, andere körnig oder gestreift. Die Geriffelte Gummierung ist eine Sonderform mit eng nebeneinander liegenden Wellenlinien, die durch spezielle Walzen entsteht, um das ungewollte Einrollen des Markenpapiers beim Trocknen zu verhindern. Ein bekanntes Sammelgebiet für diese Sonderform ist laut Wikipedia die Dauermarkenserie „Heuss I" der Deutschen Bundespost, bei der Sammler akribisch zwischen glatter (xw) und geriffelter (xv) Gummierung unterscheiden. Diese Varianten separat im Michel bewertet und preislich verschieden.
Besondere Gummierungs-Formen
Über die Standard-Gummierung hinaus haben Postverwaltungen zahlreiche Sonderformen entwickelt. Jede hat ihre technische Motivation, und einige sind philatelistisch hochrelevant.
Spargummierung
Reduzierter Gummi-Auftrag, oft nur streifenförmig. Material-sparend und typisch für Notzeiten, in denen Rohstoffe knapp waren. Die Spargummierung erkennt man daran, dass Teile der Rückseite ungummiert bleiben - was bei Sammlern mitunter Verwirrung über den Zustand auslöst.
Trockengummierung
Eine Gummi-Schicht, die durch Druck statt durch Feuchtigkeit aktiviert wird. Sie ist mit modernen Haftklebern verwandt, aber aus einer anderen Technologie-Generation. Trockengummierte Marken sind für Sammler deshalb interessant, weil sie sich von nassklebender Standard-Gummierung unterscheiden - optisch und haptisch.
Geriffelte Gummierung
Strukturierte Oberfläche mit Wellen- oder Riffel-Muster, entstanden durch spezielle Walzen nach dem Gummierungsauftrag. Der Riffel soll das Aneinander-Kleben im Bogen verhindern und die Rollbarkeit verbessern. Bei der BRD-Heuss-I-Dauerserie ist die Unterscheidung glatt vs. geriffelt ein echtes Sammelgebiet - mit entsprechend eigenen Katalogpreisen.
Selbstklebende Gummierung
Haftklebstoff auf Kunstharz-Basis, ohne Anfeuchten verwendbar - das ist der heutige Standard bei vielen modernen Ausgaben weltweit. Philatelistisch gilt das als eigene Kategorie mit eigenen Prüf-Aspekten. Mehr dazu im Eintrag zu selbstklebenden Briefmarken.
Nachgummierung und Neugummierung - Fälschungen erkennen
Weil die Originalgummierung bei wertvollen Stücken den Preis um ein Vielfaches hebt, werden ungummierte oder gefalzte Marken von Fälschern mit künstlicher Gummierung „verbessert". Die Prüfung ist bei Klassikern Pflicht.
Was ist Nachgummierung?
Das nachträgliche Auftragen von Gummi auf eine ungummierte oder entgummierte Marke, um den Eindruck einer postfrischen Originalgummierung zu erzeugen - man spricht auch von Neugummierung. Das Ergebnis ist technisch eine Marke mit aufgebrachtem Gummi, aber philatelistisch keine postfrische Originalgummierung, und damit wertmäßig eine ganz andere Marke.
Erkennungs-Methode 1 - UV-Licht-Vergleich
Echte Originalgummierungen zeigen unter der UV-Lampe meist eine gleichmäßige, oft gelbliche Reaktion. Vollständig nachgummierte Marken wurden zuvor gewaschen und haben dabei Papierbestandteile verloren - sie reagieren unter UV-Licht oft grauer oder matter als das Original. Die Methode verlangt Vergleichsmaterial, um Abweichungen zu erkennen.
Erkennungs-Methode 2 - Zähnungslöcher unter Lupe
Die Produktions-Reihenfolge ist der Schlüssel: Echte Marken werden zuerst gummiert, dann gedruckt und erst am Schluss gezähnt - deshalb sind die Zahnspitzen echter Marken absolut gummifrei, Papier ragt heraus. Bei Nachgummierung fliesst der flüssige Gummi in die Löcher hinein und bildet tropfenförmige Ansammlungen an den Kanten und Zahnspitzen. Unter 10-20facher Vergrößerung ist das deutlich sichtbar. Quelle für beide Methoden: MICHEL-Redaktion, Jürgen Kraft.
Wann die BPP-Prüfung zwingend ist
Bei Altdeutschland-Klassikern, seltenen Block-Ausgaben und jeder ungebrauchten Marke mit Katalogpreis im mittleren dreistelligen Eurobereich oder höher gehört ein BPP-Prüfattest (Bund Philatelistischer Prüfer) zum Standard. Ohne Attest sollten Sie bei Verdacht einer Nachgummierung die Prüfung veranlassen, bevor Sie kaufen oder verkaufen. Nachgummierungen sind der Hauptangriffspunkt der Fälscher bei Faktor-10-Stücken.
| Stufe | Michel-Kürzel | Merkmal | Typischer Preis-Faktor | Bemerkung |
|---|---|---|---|---|
| Postfrisch | ** | Originalgummierung unverändert | 1,0 (Referenz) | Standardzustand bei modernen Marken |
| Ungebraucht mit Falz | * | Falz oder Falzspur auf Gummi | 0,1 bis 0,3 | Bei Altdeutschland häufig der Regelfall |
| Ungummiert | (*) | Keine Gummierung mehr vorhanden | unter 0,1 | Nur bei seltenen Stücken gesammelt |
| Nachgummiert | - | Künstlicher Gummi aufgebracht | nicht klassifiziert, Sammlerwert gemindert | BPP-Prüfung zum Nachweis |
| Ohne Gummi ausgegeben | (*) | Ohne Gummi vom Postschalter | Entfällt - bester möglicher Zustand | Tropische Gebiete, Notzeiten |
Die Preis-Faktoren für Nachkriegs-BRD basieren auf der Faktor-10-Aussage der MICHEL-Redaktion; die konkreten Sätze variieren je nach Ausgabe und aktueller Marktlage.
Aufbewahrung - wie die Gummierung Jahrzehnte überlebt
Die Gummierung ist der empfindlichste Bestandteil einer ungebrauchten Marke. Wer sie erhalten will, braucht stabiles Klima und keinen Klebstoff-Kontakt.
Klima - Temperatur und Luftfeuchte
Gummierungen reagieren empfindlich auf Temperaturschwankungen und zu hohe Luftfeuchtigkeit. Eine konstante Lagerung in temperierten Räumen ist zwingend nötig, um Gummisprunge bei Marken mit tierischem Leim oder das Festkleben im Album zu verhindern. In meiner Sammelstube steht ein einfaches Hygrometer auf dem Albumregal - fällt die Luftfeuchte im Winter durch die trockene Heizungsluft unter 40 Prozent, stelle ich eine Schale Wasser daneben, um Spannungsrisse im Gummi alter Marken zu vermeiden.
Klemmtaschen statt Klebstoff-Kontakt
Hawid-Streifen und Klemm-Taschen halten die Marke ohne Berührung der Gummierung. Falze und Klebestreifen sind unbedingt zu vermeiden, weil sie die Originalgummierung verändern oder dauerhaft beschädigen. Selbst historische „Schonfalze", die sich angeblich spurlos abziehen ließen, haben im Nachhinein zahllose Marken ruiniert, weil der Klebstoff langfristig in das Markenpapier durchfettete.
Was man nie tun sollte
Gummierte Marken niemals in Waermequellen-Nähe lagern. Nicht mit bloßen Fingern auf die Rückseite fassen - Hautfett und Feuchtigkeit schaden dem Gummi. Und vor allem: kein Wasserbad bei ungebrauchten Marken mit Originalgummierung, denn Wasser löst die Gummierung auf und zerstört sie dauerhaft.
Schädliche Gummierung - wenn der Gummi die Marke zerstört
In Sonderfällen ist die Gummierung selbst die Gefahr für die Marke. Historische Fehl-Zusammensetzungen haben ganze Ausgaben über Jahrzehnte beschädigt, und der Ostropablock ist das bekannteste Beispiel.
Der Ostropablock - Deutschlands prominentes Beispiel
Der Ostropa-Block des Deutschen Reiches von 1935 wurde mit einer Gummierung ausgegeben, deren Schwefelsäuregehalt nicht neutralisiert war. Folge: das Papier färbt sich braun, Durchbrüche an den Wasserzeichen setzen ein. Laut Wikipedia wurden Sammler dringend empfohlen, die Gummierung sofort abzulösen, um den Block zu retten - bis heute ist „Ostropablock mit abgelöster Gummierung" ein häufiger und philatelistisch akzeptierter Zustand.
Gummisprünge bei tierischem Leim
Bei älteren Marken mit tierischen Leimen können Schwankungen von Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu Brüchen im Leim führen (sogenannte Gummisprünge). Diese Risse können sich durch die gesamte Marke fortsetzen und sie im Extremfall auseinanderfallen lassen. In solchen Fällen ist das Ablösen der Gummierung oft die einzige Rettung - ein kontraintuitiver Ausnahme-Fall, der der allgemeinen Regel „Originalgummierung gleich Wert" widerspricht.
Wie erkennt man schädliche Gummierung?
Braun-Verfärbung des Papiers, Brüche oder Risse im Gummi unter Streiflicht sichtbar, Durchbrüche von der Bildseite bei Durchleuchtung erkennbar. Bei Verdacht empfiehlt sich eine BPP-Prüfung und gegebenenfalls die kontrollierte Ablösung durch den Fachhandel. Eigenmächtiges Ablösen ohne Erfahrung kann den Wert weiter mindern statt ihn zu erhalten.
Abgrenzung zu verwandten Zustands-Begriffen
Die Gummierung steht neben Falz, Zähnung und Wasserzeichen als Zustands-Kriterium. Wer die Begriffe durcheinanderbringt, bewertet und kauft falsch.
Gummierung vs. Falz
Die Gummierung ist die werksseitige Klebstoffschicht auf der Rückseite; der Falz ist ein Fremdkörper, ein Pergamin-Streifen, der nachträglich auf die Gummierung aufgeklebt wurde und diese strukturell beschädigt. Ein gefalztes Stück hat immer eine durch den Falz dauerhaft beeinträchtigte Originalgummierung, aber nicht jede beschädigte Gummierung stammt von einem Falz.
Gummierung vs. Postfrisch
Postfrisch bedeutet per Definition unveränderte Originalgummierung. Ohne intakte Gummierung keine postfrische Marke. Die beiden Begriffe hängen untrennbar zusammen - postfrisch ist der Zustand der Gummierung in einer Stufe, nicht ein eigenes Merkmal neben ihr.
Gummierung vs. Nassklebend vs. Selbstklebend
Klassische Anfeucht-Gummierung und nassklebende Briefmarken beschreiben dasselbe Prinzip: Wasser aktiviert den Kleber. Selbstklebend dagegen ist Haftklebstoff ohne Wasseraktivierung. Beide sind technisch Gummierungen im weiteren Sinn, unterscheiden sich aber in Zusammensetzung, Handhabung und Sammler-Bewertung erheblich.
Fazit - Die Gummierung als stiller Wert-Entscheider
Die Gummierung ist die unscheinbarste und gleichzeitig wertvollste Schicht einer Briefmarke. Bei Nachkriegs-BRD-Marken entscheidet sie über Faktor 10 beim Preis, bei Altdeutschland-Klassikern sind volle Originalgummierung und Nachgummierung philatelistisch Welten voneinander entfernt - deshalb gehört zu jedem wertvollen Stück eine BPP-Prüfung.
Die Materialien-Chronologie von tierischem Leim über Gummi arabicum und Dextrin bis zum heutigen PVA zeigt, wie sich die Philatelie technisch weiterentwickelt hat, ohne das Grundprinzip aufzugeben. Für Erben ist die wichtigste Erkenntnis: gefalzt bei Altdeutschland ist der ehrliche Normalzustand, kein Defekt und deshalb kein Grund zur Enttäuschung. Gefalzt bei Nachkriegs-BRD dagegen bedeutet einen erheblichen Marktpreisabschlag - diese Unterscheidung sollte jede Sammlung-Einschätzung als erstes klären.
Fragen und Antworten
Hier finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen zur Briefmarken-Gummierung - von der Definition bis zur praktischen Erkennung von Nachgummierungen.
Was ist Gummierung bei Briefmarken?
Gummierung ist die wasserlösliche Klebstoffschicht auf der Rückseite der Briefmarke, die durch Anfeuchten aktiviert wird und historisch aus tierischem Leim, Gummi arabicum oder Dextrin bestand, heute überwiegend aus Polyvinylalkohol (PVA). Die Gummierung ist gleichzeitig Technik und Wert-Kriterium - ihr Erhaltungszustand bestimmt die Einstufung. Mehr dazu lesen Sie im Abschnitt „Was ist Briefmarken-Gummierung?".
Welche Erhaltungsstufen gibt es bei der Gummierung?
Drei Stufen nach Michel-Notation: Postfrisch (**) - Originalgummierung unverändert; Ungebraucht mit Falz (*) - Gummierung teilweise durch Falz oder Haftspur verändert; Ungummiert ((*)) - keine Gummierung mehr vorhanden. Die Stufen entscheiden über den Katalogpreis und liegen preislich weit auseinander. Details im Bereich „Erhaltungsstufen der Gummierung".
Warum ist die Originalgummierung so wichtig für den Wert?
Bei Nachkriegs-BRD kann eine postfrische Marke das Zehnfache einer gefalzten oder nachgummierten Marke kosten (MICHEL-Redaktion), bei Altdeutschland-Klassikern ist postfrisch eine absolute Seltenheit, was den Unterschied noch kräftiger macht. Die Gummierung ist der eine Faktor, den Erben bei jeder Schätzung zuerst prüfen sollten. Mehr dazu unter „Wert-Auswirkung".
Wie erkenne ich eine Nachgummierung?
UV-Licht-Vergleich der Gummi-Oberfläche zeigt Abweichungen: nachgummierte Marken reagieren oft grauer. Zahnspitzen echter Marken sind gummifrei - bei Nachgummierung läuft Gummi in die Löcher hinein, sichtbar unter 10-20facher Vergrößerung; bei Verdacht BPP-Prüfung einschalten. Alle Details stehen im Abschnitt „Nachgummierung und Neugummierung".
Welche Materialien werden für Gummierung verwendet?
Historisch tierische Leime, dann Gummi arabicum und Dextrin; heute dominiert Polyvinylalkohol (PVA), ein synthetisches Polymer, das stabiler als alle Vorgänger ist und weniger Gummisprung-Risiko bei Klimaschwankungen zeigt. Selbstklebende Marken verwenden Haftklebstoffe auf Kunstharz-Basis ohne Wasseraktivierung. Mehr im Bereich „Moderne Gummierung".
Wie lagere ich gummierte Briefmarken richtig?
Konstantes Klima mit geringen Temperaturschwankungen und mittlerer Luftfeuchtigkeit ist das wichtigste Gebot - zu trocken fördert Gummisprunge, zu feucht lässt Marken verkleben. Klemmtaschen (Hawid, Lindner) statt Falz oder Kleber verwenden, und niemals Marken mit Originalgummierung in Wasser tauchen - die Gummierung wird dabei sofort und unrettbar zerstört. Schauen Sie dazu in den Bereich „Aufbewahrung".

Mit den DDR-Marken aus dem Album meines Großvaters bin ich als Kind zum ersten Mal mit Briefmarken in Berührung gekommen. Über die Jahrzehnte habe ich gesehen, wie Erben und Sammler oft an Hype und Halbwissen scheitern. Daher freue ich mich, meine Erfahrung als langjähriger Sammler bei briefmarkenmesse-essen.de einbringen zu dürfen.